Biodynamische Pflanzenzüchtung - ein Innovationsfeld

 

Ausgangslage und Zielsetzungen

Die Biodynamische Pflanzenzüchtung hat in den letzten Jahren eine respektable Anzahl an Gemüse- und Getreidesorten entwickelt, die sich in der Praxis zunehmender Beliebtheit erfreuen. Dennoch ist sie noch lange nicht etabliert.
Es sind weitere grosse Investitionen notwendig, nicht nur bei der Infrastruktur. Vor allem muss kräftig in die Weiterentwicklung von Zuchtmethoden investiert werden, die effizient und zugleich mit der biologischen Landwirtschaft kompatibel sind. Sonst wird die Biodynamische Züchtung entweder von demjenigen Zuchtmaterial leben müssen, das von der konventionellen Züchtung noch "abfällt" - und das ist immer weniger brauchbar-, oder sie wird von dem leben müssen, was an alten Sorten in Genbanken und Sammlungen aufbewahrt wird, weil es mit der Entwicklung der Landwirtschaft nicht hat Schritt halten können. Eine innovative Biodynamische Pflanzenzüchtung entwickelt nicht nur die zu ihr passenden Zuchtmethoden selber, sondern sie schafft dank ihrer Ausrichtung und Einbettung in die ökologische Landwirtschaft zugleich fortlaufend die benötigte neue Biodiversität (genetische Ressourcen) bei allen bearbeiteten Kulturpflanzen.

Diese Entwicklung wird vorangetrieben von Menschen, welche sich die Kulturpflanzenentwicklung zu ihrem persönlichen Anliegen machen, indem sie sich das Know how, die Fähigkeiten und die Durchhaltekraft aneignen, um züchterische Prozesse zielgerichtet führen zu können. Die Zukunft der Biodynamischen Pflanzenzüchtung hängt deshalb ganz stark davon ab, ob sich solche Menschen finden und ob ihnen Möglichkeiten zur Ausbildung und Förderung angeboten werden können.

Folgende Themen und Schritte in der Ausbildung und der Nachwuchsförderung werden von der Getreidezüchtung Peter Kunz für die nächsten 5-10 Jahre als vordringlich erachtet:

Fachwissen aneignen, gezielte Ergänzung der Grundausbildung

Ein Biologiestudium oder ein allgemeines landwirtschaftliches Studium ist nicht ausreichend, um in der Pflanzenzüchtung tätig werden zu können. Es ist die Aneignung von spezifischem Fachwissen nötig, um züchterische Massnahmen und Prozesse planen, handhaben und gezielt weiterentwickeln zu können. In der Regel ist ein Fach- oder Selbststudium über 3-4 Jahre angemessen.

Pflanzenphysiologische und landwirtschaftliche Grundlagen verinnerlichen

Durch die Züchtung werden die Kulturpflanzen in ihrer Architektur, Morphologie und Physiologie gestaltet und dies erfolgt im konkreten Feld der landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen.
Damit man nicht nur zufällig zu verbesserten Pflanzen zu kommt, ist eine intime Kenntnis der Kulturpflanzen- und artspezifischen Gestaltung, des ökologischen Umfeldes und der Rahmenbedingungen der Biodynamischen Landwirtschaft erforderlich. Um praktisch züchterisch tätig und entscheidungsfähig zu werden, ist das theoretische Wissen um gestalterische, physiologische und ökologische Zusammenhänge zu erweitern, die zur konkreten Anschauung im "Züchterblick" verinnerlicht werden. Oft ist dazu jahrelange Übung notwendig, bis man die Kulturpflanzen im Zuchtgarten sicher beurteilen und effizient Selektionsentscheidungen treffen kann, denn die letztere müssen oft in einem Zeitpunkt getroffen werden, wo noch keinerlei "handfeste" Daten zu Verfügung stehen.

Züchterische Prozesse initiieren und über Jahre begleiten

Charakteristisch für die Pflanzenzüchtung sind die sehr grossen Zeithorizonte: von der Auswahl der Kreuzungseltern bis zur neuen Sorte dauert es oft 12 bis 15 Vegetationsperioden oder Jahre. Es gehört deshalb essentiell zur Ausbildung dazu, diese Langsamkeit kreativ nutzen zu lernen. Viele Zuchtziele können am Beginn eines Projektes noch nicht im Detail klar ausformuliert werden; dennoch muss der Prozess in Gang gesetzt und aber so flexibel und offen angelegt werden, dass sich die sich ergebenden Detailfragen schrittweise präzisieren und klären können.

Fundraising und Repräsentation

Züchtung ist eine gemeinnützige Aufgabe: der Gewinn aus der züchterischen Tätigkeit kommt in erster Linie anderen, das heisst: Verbrauchern, Lebensmittelverarbeitern, Landwirten, Saatgutvermehrern und Vertriebsfirmen, zugute. Der Rückfluss aus dem Saatgutverkauf der neugezüchteten Sorten kommt oft erst der nächsten Züchtergeneration zugute, weshalb kaum jemand dieses Risikokapital aufbringen will. In vielen Ländern wird deshalb die Züchtung selbst - oder zumindest die vorgelagerten Bereiche der Züchtungsforschung und des Prebreedings von der Öffentlichkeit direkt unterstützt oder in öffentlichen Forschungsinstitutionen durchgeführt.
Als Züchter muss man deshalb die eigene Tätigkeit bei den Nutzniessern und in der Öffentlichkeit, sowie bei gemeinnützigen Förderinstitutionen überzeugend darstellen und vertreten können. Nur so werden die Projekte die erforderliche Förderung erfahren.

Geschäftsführung und Zusammenarbeit mit Partnern

Die Biodynamische Züchtung findet in typischen Kleinbetrieben statt, in denen die Hauptverantwortlichen neben der praktischen Züchtungstätigkeit auch alle administrativen Tätigkeiten und die Geschäftsführung selber erledigen. Letztere umfasst neben der sehr aufwendigen Finanzmittelbeschaffung bei Stiftungen, privaten GeldgeberInnen und Firmen auch die intensive Zusammenarbeit mit einem guten Dutzend Saatgutvermehrungs-, Vertriebs, Züchtungs- und Forschungsbetrieben.

Arbeitsbereiche

Die Arbeitsbereiche der Getreidezüchtung Peter Kunz gemäss Statuten sind folgende:

  • Erforschung neuer Zuchtmethoden (Züchtungsforschung)
  • Züchtung angepasster Sorten für eine nachhaltige Landwirtschaft,
  • Erhaltung, Erweiterung und nachhaltige Nutzung der Kulturpflanzenvielfalt,
  • Erforschung von Nahrungs- und Heilpflanzenqualität,
  • Ausbildung, Seminare, Öffentlichkeitsarbeit und Publikationen.

Derzeit werden Weizen, Dinkel, Triticale, Mais, Sonnenblumen und Körnerleguminosen züchterisch bearbeitet. Im Sommer 2010 wurden 5 feste und 7 Sommer-Mitarbeiter- bzw. PraktikantInnen beschäftigt.

Bedarf an Ausbildung und Nachwuchsförderung

In den nächsten 3-5 Jahren soll die strategische und operative Einmann-Leitung abgelöst werden. Idealerweise stehen dann mehrere MitarbeiterInnen, die den Betrieb bereits seit einigen Jahren kennen, gemeinsam an der Führungsstelle. Zur gezielten Förderung der geeigneten Personen sind individuell zugeschnittene Ausbildungsmodule in den oben dargestellten Bereichen erforderlich.
Zusätzlich zur Ablösung der Leitungsfunktion müssen auch für die verschiedenen Projekte oder Arbeitsbereiche verantwortliche Personen gefunden bzw. für eine langjährige Mitarbeit aufgebaut werden. Das soll auf der Grundlage des bisherigen Ausbildungskonzepts erfolgen, das weiter ausgebaut und ergänzt werden kann.

Das bisherige Ausbildungsangebot umfasste (jährlich):

  • wöchentliche Fachkolloquien (ca. 2 Std/Woche)
  • monatliches, ganztägiges Forschertreffen (b.d. Grundlagenarbeit, Projektbesichtigungen)
  • 1-2 Intensivseminare für Studenten und Neueinsteiger (3 Tage auf dem Dottenfelderhof in Zusammenarbeit mit Uni Witzenhausen)
  • Besuch der Getreidezüchter-Treffen (je 2 Tage im Sommer und 2 im Winter)
  • Besuch von 2-3 Fachtagungen (Züchtertagung Gumpenstein, Resistenztagung Fulda, usw.)
  • Besichtigung von Pflanzenzüchtungsbetrieben (Uni Hohenheim, Nordsaat, Secobra, Futterpflanzenzüchtung Reckenholz, Poma Culta Apfelzüchtung, u.a.)

Als Erweiterung wären folgende Module wünschenswert:

  • monatlicher Ausbildungstag für Neueinsteiger- und PraktikantInnen
  • Durchführung und Betreuung von Semester-, Bachelor-, Master- und Doktorarbeiten
  • Blockkurse Weiterbildung für MitarbeiterInnen (2-4 Wochen)
  • Besuch von spezifischen Kursen und Modulen (z.B. Management in „non profit"-Organisationen)
  • Kurz-Praktika in anderen Pflanzenzüchtungs- oder Forschungsbetrieben

Finanzierung

Der Aufwand für Aus- und Weiterbildungs-Aktivitäten innerhalb der Getreidezüchtung Peter Kunz ist sehr hoch. Die Thematik hat im Betrieb eine hohe Priorität, weil nur dadurch genügend interessierte MitarbeiterInnen gefunden werden können. Die attraktiven Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten sind ein teilweiser Ersatz für die sehr bescheidene Entlohnung.
In den letzten Jahren konnten die Gesamtaufwendungen mit den Beiträgen der Software AG-Stiftung und der Mahle-Stiftung nicht vollständig abgedeckt werden. Ein beachtlicher Teil musste aus anderen Projekten querfinanziert werden. Das war auch im Jahr 2010 wiederum der Fall.
Für die folgenden Jahre gibt es noch keinerlei Zusagen.