Prebreeding - Aufbau und Erhaltung von Biodiversität - Züchtungsforschung

Projektverantwortliche: Catherine Cuendet, Franca dell'Avo

Abstract

Im Jahr 2014 war in vielen Ländern Europas der Dinkel ausverkauft, so dass die Kunden „ihre“ Dinkelprodukte teils nicht mehr im Verkaufsregal wieder fanden. Diese Situation hat die Nachfrage nach Dinkel stark angekurbelt. Ob dies ein kurz- oder langfristiger Trend ist, wird sich zeigen. Die Offenheit für neue Sorten scheint vor allem in Deutschland gegeben zu sein. Dort dominieren zur Zeit Sorten mit Kurzstrohgenen den Markt, die für intensiven Anbau geeignet sind. Wir sind der Meinung, dass diese vom Dinkeltypischen abweichen und setzen auf lange bis mittellange Sorten mit einer guten und intensiven Ausreifung. Eine intensive Ausreifung führt zu einer hohen Nahrungsqualität. Die Getreidezüchtung Peter Kunz betreibt das einzige ökologische Winter- und Wechseldinkelzuchtprogramm in Europa. Die Schwerpunkte im Prebreeding und der Sortenentwicklung sind:

  • Resistenzzüchtung auf Ähren- und Blattkrankheiten sowie gegen Stinkbrand (T.caries)
  • gute Back- und Verarbeitungsqualität
  • mittel bis langstrohige Sorten mit guter Standfestigkeit für etwas intensivere und extensive Lagen Schaffung und Erhaltung eines Genpools mit hoher genetischer Diversität

Ergebnisse aus dem Jahr 2014

Der Standort Darmstadt ist für die Dinkelzüchtung zum Hauptstandort geworden. Wie beim Weizen und Triticale, prägte die ausserordentliche Gelbrostepidemie die Arbeit und die Erfolge der Dinkelzüchtung. Viele Zuchtlinien im Prebreeding- und Sortenentwicklungsbereich erwiesen sich als stark anfällig. Dies verdeutlicht die Notwendigkeit einen breiten Genpool als Basis des Zuchtprogrammes zu erschaffen und zu pflegen. Beim Dinkel ist dies umso wichtiger, da es weltweit nur eine Handvoll aktiver Dinkelzüchter gibt und die Diversität allein aus diesem Grund sehr eingeschränkt ist.

Das Jahr 2014 war für den Züchter interessant, aber auch sehr extrem. Auf die starke Gelbrostepidemie folgte an unserem Hauptstandort in Darmstadt ein ausgeprägter Braunrostbefall, so dass schon in der ersten Juni Woche eine grosse Anzahl Pflanzen keine grünen Blätter mehr hatte. Unsere Sorte Titan punktete hier mit einer ausserordentlich guten Blattgesundheit. Die Sorten Tauro, Samir und Zürcher Oberländer Rotkorn haben jedoch wie viele Handelssorten unter dem massiven Gelbrostbefall stark gelitten. Viele der F1 Kreuzungsnachkommenschaften waren total befallen, so dass ein Hauptaugenmerk bei der Kreuzungsarbeit die Rückkreuzung mit wenig anfälligen Zuchtlinien und Landsorten lag. Interessanterweise zeigten viele von den alten Dinkellandsorten aus dem NAP- und EU-Projekt (s.u.) gute Resistenzen gegenüber Gelbrost. Doch die Einkreuzung alter Landsorten bedeutet auch immer einen langen Weg von der Kreuzung bis zur fertigen Sorte. Im Jahr 2014 haben wir einige spanische Landsorten mit dem Mikrofarinographen getestet. Darunter gab es einige Linien mit sehr guter Teigstabilität. Diese Linien wurden in das eigene Zuchtmaterial eingekreuzt. Der Blattkrankheitsdruck im Sommerzuchtgarten war noch um ein vielfaches höher, so dass dort die Selektionsbedingungen fast zu extrem waren. Ein weiteres Extrem stellte die nasse Witterung zur Ernte dar. Insbesondere beim Winterdinkel wurden bei den Saatgutvorvermehrungen für die offizielle Sortenprüfung schlechte Qualitäten mit viel Auswuchs geerntet, so dass die Anmeldung von drei bis vier Kandidaten auf 2015 verschoben werden musste. Dies ist für uns ein hoher Verlust. Der Auswuchs und die niedrigen Fallzahlen boten anderseits ideale Selektionsbedingungen für das eigene Zuchtmaterial.

Diese ausserordentliche Häufung von Extremen wirft Fragen auf: wie streng selektieren wir? In welchem Rhythmus werden die Extreme künftig auftauchen? Mit was müssen wir in Zukunft rechnen? Welche Lösungen können wir den Landwirten anbieten?

Arbeitsschritte und Ziele für 2015

Mit der Sommer- bzw. Wechseldinkelzüchtung streben wir eine solche Lösung an. Es ist noch ein junges, aber in Europa einmaliges Projekt der Getreidezüchtung. Aufgrund der häufig zu nassen Saatbedingungen im Herbst wurde in den letzten Jahren vermehrt Sommerdinkel nachgefragt. Wir meinen aber, dass die bessere Lösung des Problems ein Wechseldinkel ist. Er bietet eine flexible Antwort auf die nassen Witterungsextreme im Herbst. Der Vorteil ist, dass er sowohl im Herbst als auch im Frühjahr ausgesät werden kann. Hier können wir von ersten erfreulichen Ergebnissen berichten. Erstmals haben wir von fünf vielversprechenden Kandidaten eine Vorvermehrung in Darmstadt ausgesät. Alle Kandidaten haben die Winter der letzten Jahre gut überstanden. Wenn in der kommenden Wachstumsperiode keine Hindernisse auftreten, können wir im Herbst 2015 ein bis zwei Linien in die offizielle Sortenprüfung geben, oder diese alternativ als Nischensorten bzw. Erhaltungssorten anmelden. Das wäre ein grosser Erfolg!

Für 2015 werden noch Standorte gesucht um die Winterfestigkeit der neuen Sommer-/Wechseldinkelstämme zu testen. Beim Winterdinkel lieferte unser Test auf Frosttoleranz in Töpfen aufgrund des milden Winters 2013/2014 keine Ergebnisse. Der Test wurde nun nochmals ausgesät. Für diese Herbstaussaat konnten wir dank guter Kontakte nach Polen einige Linien zu Prof. Wiwart schicken. Für nächstes Jahr ist zusätzlich ein Austausch nach Estland geplant. So hoffen wir künftig unsere Sortenkandidaten zuverlässig beurteilen zu können.

Ein Problem beim Dinkel ist, dass wir im kleinen Massstab die Drusch-, Röll- und Mahlfähigkeit nur unzureichend beurteilen können. Idealerweise müssten wir mit den Sortenkandidaten gleich verfahren wie im Biosuisse Projekt (s.u.). Ein fast unlösbares Problem, für welches wir aber in Zukunft Lösungen suchen müssen.

Eine Wissenslücke besteht im Bereich Nudelherstellung. Da wir einen Zuchtstamm (ZMA.6) mit leicht gelbem Mehl haben, wäre es interessant, ob dieser auch für Nudelherstellung geeignet ist. Wir hoffen, dass wir im nächsten Jahr in diesem Bereich Fortschritte erzielen können. Auch in 2015 sind wiederum interne Backversuche mit aussichtsreichen Stämmen geplant, sowie Analysen mit dem Mikrofarinographen. Dieser liefert sehr aussagekräftige Ergebnisse bezüglich Backfähigkeit.

Zusammenfassung der wichtigsten Zuchtziele: Standfestikeit, Resistenzzüchtung, Auswuchsstabilität, Backqualität, Nudelqualität, Winterfestikeit, Entspelzbarkeit, Spindelbruch, Druschfähigkeit, Entspelzbarkeit, Mahlfähigkeit, Biodiversität.

Verbundprojekte: Ergebnisse aus dem Jahr 2014 und Ausblick 2015

Das NAP-Projekt, in welchem jährlich ca. 70 alte Landsorten aus der Schweizerischen Genbank angebaut wurden, läuft nun nach acht erfolgreichen Jahren aus. Dieses wurde über den Nationalen Aktionsplans zur Erhaltung und Nutzung der pflanzengenetischen Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft (NAP-PGREL) finanziert und in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Kommission für die Erhaltung der Kulturpflanzen (SKEK) durchgeführt. Die Ergebnisse wurden in die Nationale Datenbank für pflanzengenetische Ressourcen eingefügt (www.bdn.ch). Das Projekt erlaubte uns einen interessanten Einblick in die Vielfalt, des Dinkels um die letzte Jahrhundertwende. Heute können wir von keiner Vielfalt mehr sprechen. Hierfür sind das Sortenspektrum und der Markt viel zu klein. Das bestärkt uns aber darin, trotz des kleinen Marktes, züchterisch dran zu bleiben. Sonst werden wir in Zukunft keine geeigneten Dinkelsorten mehr für den Anbau haben.

Erfreulich ist, dass wir stattdessen als Züchter an dem 5-jährigen EU-Forschungsprojekt „Healthy Minor Cereals" beteiligt sind. Hauptziel ist es, den „kleinen“ Getreiden, zu welchem auch der Dinkel gehört, einen grösseren Stellenwert im Markt zu verschaffen. Wir sind vor allem in den Arbeitspaketen „Phänotypisierung“ und „Phytopathologie“ beteiligt. Wir profitieren hier v.a. von neuen Kontakten und Austauschmöglichkeiten mit den beteiligten Projektpartnern.

In die gleiche Richtung zielt ein von Biosuisse gefördertes Projekt. Fünf Dinkelsorten werden im Praxismassstab angebaut. Am Erntegut werden die Drusch-, Röll- und Mahleigenschaften ermittelt und anschliessend wird es von mehreren Bäckern verarbeitet. Die ersten Ergebnisse werden am Bioackerbautag am 13. Juni 2015 in Courtérelle vorgestellt.

In Zusammenarbeit mit Herrn Longin von der Landessaatzuchtanstalt in Hohenheim fand 2014 an sieben Standorten ein Ringversuch mit Züchtern und Vermehrungsorganisationen aus Deutschland, der Schweiz und Belgien statt. Leider sind darunter nur 2 Ökostandorte. Dennoch beteiligen wir uns auch im Anbaujahr 2014/2015 daran. Ein Stamm von uns hat an einem konventionellen Standort 104 dt/ha gedroschen.